Miss Schweiz: «Für mich sind Aktfotos nichts»

Seit drei Monaten ist Jastina Doreen Riederer Miss Schweiz und dadurch ständig auf Achse: Wie sich ihr Leben verändert hat, wieso sie noch dieselbe ist und weiterhin bei Mama wohnen will.

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Jastina Doreen Riederer wohnt gerne in Spreitenbach. Sandra Ardizzone

Jastina, du bist gerade im Zug nach Lugano, wann hast du eigentlich das letzte Mal in deinem eigenen Bett geschlafen?

Jastina Doreen Riederer: «Gestern. Ich schlafe meistens zu Hause, wenn der Termin nicht zu weit weg ist.»

Noch keinen Freund, bei dem du übernachten kannst?

«Nein. Immer noch kein Freund. Ich suche aber auch nicht. Momentan möchte ich mich auf mein Miss-Schweiz-Jahr konzentrieren. Natürlich bekomme ich viele Nachrichten und Anfragen über Social Media. Aber … ich habe keine Zeit (lacht).»

Du bist jetzt eine Person des öffentlichen Interesses, wie hat das dein Leben verändert?

«Es ist komplett anders: Die Leute erkennen mich auf der Strasse und sprechen mich an für Fotos und Autogramme, das ist schon sehr speziell. Das kannte ich vorher nicht, das ist über Nacht passiert. Auch muss ich jetzt mehr darauf achten, was ich poste und mache in der Öffentlichkeit. Wenn ich etwas auf Instagram stelle, das interessant ist, gibt es gleich einen Beitrag in der Zeitung am nächsten Tag.»

Du sprichst das Instagram-Foto von dir und dem unbekannten Mann an?

«Ja genau. Aber das war ja mein Bruder. Also halb so wild.»

Aber berühmt sein hat auch Schattenseiten: Hast du schon Erfahrungen mit Hassmails und Stalkern gemacht?

«Bis jetzt nicht. Ab und zu bekomme ich natürlich abwertende Kommentare auf Social Media. Aber damit musste ich rechnen: Man kann nicht jedem gefallen. Das war mir von Anfang an bewusst und war auch nie mein Ziel. Diejenigen, die mich mögen und mir folgen wollen, dürfen das gerne und alle andern dürfen mich gerne in Ruhe lassen.

Wie gehst du denn mit solchen persönlichen Angriffen um?

«Es kommt ganz drauf an. Ab und zu reagiere ich und antworte freundlich – aber meistens ignoriere ich das einfach.»

Vermisst du in solchen Situationen dein altes Leben?

«Nein. Ich bereue nichts. Alles, was ich jetzt machen kann, ist eine super Erfahrung. Ich schätze mein neues Leben sehr.»

Was ist denn so schön daran?

«Dass ich immer neue Menschen kennen lernen darf. Egal, wo ich bin, ich lerne stets neue Personen kennen, ich glaube, das ist etwas vom Schönsten für mich.»

Hast du überhaupt noch Zeit für deine Familie und deine alten Freunde?

«Es ist schwieriger geworden, den Kontakt zu meinen Freunden zu wahren. Ich sehe sie nun nicht mehr so oft. Ich habe meine Freunde durch die Lehre kennen gelernt, wir haben zusammen gearbeitet und uns daher jeden Tag gesehen. Jetzt habe ich schon weniger Zeit. Aber ich schaue, dass ich mir genug Zeit nehme und diese Freundschaft pflege.

Zu meiner Familie habe ich immer noch gleich viel Kontakt. Ich wohne ja immer noch zu Hause, also meine Mama sehe ich jeden Tag (lacht). Auch meinen Bruder versuche ich öfters zu sehen. Er lebt ebenfalls in Spreitenbach. Dann schaue ich abends auch mal bei ihm vorbei.»

Und mit deinem Vater – hast du inzwischen wieder Kontakt zu ihm?

«Er hat ja behauptet, wir hätten Kontakt: Nach der Miss-Wahl hat er mir einfach gratuliert. Aber der Kontakt ist nach wie vor nicht da, aus privaten Gründen. Ich möchte auch keinen Kontakt. Es hängt damit zusammen, was zu Hause vorgefallen ist. Aber es ist gut so, wie es ist.»

Wie sieht für dich ein gemütlicher Abend zu Hause aus?

«Mit einem feinen Essen (lacht). Am liebsten mit einem Essen von meiner Mama. An ihr Essen kommt niemand ran: Sie kocht am besten, vor allem italienisches Essen! Ich liebe Penne mit Sugo. Dann sitzen wir vor den Fernseher und schauen italienische Sendungen und spielen vielleicht noch ein Spiel. Bei schönem Wetter sitzen wir im Garten mit Kerzenlicht.»

Ist dir der ganze Rummel denn auch schon mal zu viel geworden?

«Ja. Gerade am Anfang. Das war ziemlich schwierig mit all den Medien. Da kam die Geschichte mit einer Brust-OP raus. Meiner Meinung nach hätte das nicht die ganze Schweiz wissen müssen. Ich wurde dort auch erpresst, ich solle mich outen, oder es stehe die ‹Lügenmiss› im Blatt.

Ich habe mich dann zur Brust-OP bekannt und es stand trotzdem in der Zeitung. Das war schwierig: Ich konnte mich gar nicht rechtfertigen. Da habe ich mich nicht sehr gut gefühlt; einfach hintergangen halt. Aber das liegt in der Vergangenheit. Jetzt schaue ich nach vorne: Krone richten und weitergehen.»

Glaubst du, das Amt hat dich schon etwas verändert?

«Nein, ich bin immer noch die Gleiche. Ich bin bodenständig und bleibe so, wie ich bin. Schliesslich haben mich die Leute gewählt, so wie ich bin. Ich lasse mich auch nicht durch andere Personen verändern.»

Gibt es also Aufträge, die du ablehnen würdest?

«Bisher musste ich noch keine Aufträge ablehnen. Aber ja, es gibt Grenzen für mich. Ich würde mich zum Beispiel nicht ausziehen für ein Fotoshooting. Natürlich kann es sehr ästhetisch aussehen, aber für mich sind Aktfotos nichts. Das ist meine Einstellung.»

Normale Fotoshootings gehören aber dazu, was für ein Frauenbild möchtest du jungen Menschen in der Schweiz damit vermitteln?

«Ich möchte, dass sich die Menschen so wohl fühlen, wie sie sind. Viele sagen mir dann, wie geht das, du klebst dir falsche Wimpern auf, schminkst dich und hast dir die Brüste machen lassen: Wie willst du ein Vorbild sein? Aber ich habe schon mal gesagt, meine Oberweite habe ich aus gesundheitlichen Gründen machen lassen. Und nur, weil ich mich schminke, heisst das nicht, dass ich mich ungeschminkt unwohl fühlen würde. Ich achte darauf, dass ich nicht zu fest geschminkt bin: Mehr als Puder und Wimpern sind bei mir nicht auf dem Gesicht. Klar, wenn ich am Abend ausgehe, schminke ich mich gerne etwas mehr. Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mich hinter einer Maske verstecke. Ich mache das, weil ich es gerne mache. Denn wäre ich nicht zur Miss Schweiz gewählt worden, hätte ich wohl eine Visagisten-Ausbildung gemacht.

Zudem ist das Thema Mobbing mir sehr wichtig. Dafür möchte ich auch kämpfen. Ich bekomme auch abwertende Kommentare und möchte zeigen, dass man auf diese nicht hören soll.»

Du wurdest ja selber gemobbt in der Schule …

«Ja, ich wurde mit neun Jahren stark gemobbt und verlor viel Gewicht, bis ich schliesslich ins Spital eingewiesen wurde, weil ich noch 23 Kilo wog. Daher auch die Brustoperation. Damals sagte der Arzt schon, dass meine Pubertät gestört sein wird. So ist dann auch nur eine meiner Brüste gewachsen und die andere nicht. Das liess ich ausbessern. Ich hatte also keine Brustvergrösserung.»

Wie setzt du dich gegen Mobbing ein?

«Bisher hatte ich viele andere Aufträge und Sponsorenauftritte. Aber da kommt noch was. Das Thema liegt mir wirklich am Herzen. Ich habe auch schon eine Idee für eine Kampagne, aber was es ist, verrate ich noch nicht.»

Und nach deinem Miss-Jahr siehst du dich in einem Reihenhaus in Spreitenbach?

«Je nachdem, welche Türen für mich aufgehen. Ich glaube aber, dann wäre ich bereit für meine eigene Wohnung, am liebsten im alten Dorfkern: Ich wohne gerne in Spreitenbach. Hier grüssen sich die Leute noch auf der Strasse. Das finde ich schön.

Aber sicher möchte ich am Casting für Victoria’s Secret teilnehmen. Sonst würde ich auch gerne Moderatorin werden. Ich werde in diesem Jahr bereits einige Kurse dazu absolvieren, dass ich schon etwas Fuss fassen kann. Im Missen-Camp mussten wir eine Anmoderation machen und wurden ins kalte Wasser geworfen. Da habe ich gemerkt, dass ich dafür Talent habe und es mir Spass macht. Ich habe eine neue Seite an mir entdeckt.»

Kannst du überhaupt noch wie früher durch Spreitenbach gehen?

«Ja, das schon. Man kennt mich halt einfach. Aber Schweizer sind eher zurückhaltend. Die Leute erkennen mich zwar und kommen auf mich zu. Die meisten möchten dann wissen, wie mein neues Leben ist.»

Und, wie ist es?

«Anders. Ich meine, vorher war ich im Detailhandel tätig. Da war jeder Tag gleich: Ich bin in den Laden gekommen und habe Kleider ausgepackt und verkauft. Jetzt ist jeder Tag anders und ich reise dauernd durch die ganze Schweiz. Aber mir gefällt es.»